Alexander in Kona 2012

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The sparkling eyes of my roots” , motto of the 2012 World Ironman Championships

Tja, wo soll ich beginnen…? … am Anfang am besten.

Nachdem ich gut und sicher nach zweitägiger Reise auf Big Island gelandet bin, durfte ich voller Freude feststellen, dass nicht nur ich, sondern – fast viel wichtiger – auch mein Fahrrad gut und sicher angekommen ist. Danke an United.

Abgesehen von der langen körperlichen Reise, bin ich einen langen Weg gegangen, um hierher zu kommen: Vor mehr als 10 Jahren, nach meinem ersten Langstreckenrennen war es eine Illusion, überhaupt an einen Slot für Kona zu denken. Vor vier Jahren in Klagenfurt hatte ich schon etwas Hoffnung, aber immer noch 40 Minuten von der Quali entfernt – Welten. Erst in 2011 in Regensburg war es richtig knapp, nur 14 Minuten trennten mich von dem heißbegehrten Ticket. Es sollte nicht sein. Erst dieses Jahr, nachdem ich völlig überraschend ein kleines Rennen in Südfrankreich mit einer Zeit von 09:38 gewonnen hatte, konnte ich mich knapp in Schweden (Kalmar) im September mit 09:23 qualifizieren. Mir wurde langsam klar, dass der ultimative Traum in diesem Sport, sowohl für Profis als auch für Altersklassensportler, wahr werden würde… Von den rund 90 000 Athleten, die jährlich bei allen Ironman Wettbewerben weltweit an den Start gehen, schaffen es nur 1800, einige durch die Lotterie oder das Legacy Programm und der Rest durch den Königsweg, ihrer eigenen körperlichen Leistung.Falls ich es immer noch nicht ganz glauben kann, ich brauche nur meine Augen zu öffnen und die Zeichen zu lesen…. und sollte ich meine Brille nicht dabei haben, kann man es nicht vermeiden, auf einige der weltbesten (Tri-) Athleten zu treffen. Craig Alexander, der mit mir von SFO nach Kona flog und wir uns am Gepäckband trafen… …. oder die lebende Legende des Sportes aus den früheren Tagen, Mark Allen. Spätestens am Montag, dem Beginn der Rennwoche, ist es fast unmöglich, sich dem “Wahnsinn” zu entziehen, nur noch Tunnelblick auf das kommende Ereignis. Schwer, die Heerscharen von Athleten zu ignorieren, die nicht nur täglich, sondern den ganzen Tag den Ali’i Drive rauf und runter laufen und fahren. Die männlichen Akteure knapp mit Hose und Herzfrequenzgurt bekleidet, die Damen sehr ähnlich, aber nicht ganz so knapp um den Oberkörper herum… Wer auch immer, alle sehen super fit aus und tun auch so, als ob sie sich auf den letzten 10 Metern der Zielgrade befinden. Profis und Age Grouper, alle bunt gemischt, wie auf einem gemeinsamen Ausflug. Bei der Nationenparade, die traditionell am Dienstag entlang des Ali’i Drives stattfindet, marschieren gemeinsam die Nationalteams… nun, bei diesem Herren war ich mir nicht ganz so sicher, woher das Outfit stammt. sicher nicht aus den offiziellen Ironman Verkaufsladen… Kailua’s Hafen, der über Nacht nach dem Fahrrad Check-In beachtlich an Wert gewonnen hat, schätzungsweise ein Plus von  $15 Millionen. Der Morgen des Wettkampftages ist gekommen, ein letzer Blick auf meinen Fahrradbeutel, ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich ihn an Farbe und Umfang erkennen werde…;) Auf der Expo hat die  World Anti Doping Organization Badekappen ausgegeben, um ein Zeichen zu setzen. Abgesehen von Mr Armstrong und seinen Kollegen, glaube ich fest daran, dass es auch genug Age Grouper gibt, die mit der “kleinen Pille” den entscheidenden Unterscheid herbeiführen, um das Ticket nach Kona zu lösen. Für mich gibt es da keine Frage, entweder ich schaffe es auch eigener Karft oder gar nicht… nicht zuletzt aus Respekt mir selbst gegenüber und den anderen Sportlern! 13. Oktober 2012, 0630 Start der Pro Männer, 0635 Start der Pro Frauen und um 0700 alle Age Grouper… Bevor es los geht, müssen aber alle 1800 Athleten in den Pazifik – durch dieses Tor. Recht entspannt tauche ich in das warme Wasser ein, auf der Suche nach einer Position, die mir hoffentlich etwas Raum vor der Menge gibt, insbesondere, um dem Chaos am Anfang zu entgehen. Schöner Plan, leider fehl geschlagen, denn mir wurde klar, dass hier bei den Weltmeisterschaften (fast) alle gute Schwimmer sind und es kein Entkommen gibt. Also Schläge, von rechts, von links, von hinten, nein, nur die Füße des Vordermann von vorne,  fast auf den ganzen 3,8 km. Kurz bevor dem Startschuß , fühlte ich mich, als ob ich gleich sterben würde. So oder so ähnlich muß es wohl sein, wenn die Seele diesen Planeten verläßt: Das Leben zieht in Zeitraffer an einem vorbei. Na gut, jetzt nicht so dramatisch, aber trotzdem: Jahre der Vorbereitung, zahllose Trainingsstunden, Schmerz und Tränen die ich vergossen habe, nachdem ich ich so oft die Ziellinie überquert habe, um später doch festzustellen, dass ich nicht schnell genug gewesen bin, immer noch zu langsam für die Quali. Jahre der Hoffnung, es beim nächsten Mal zu schaffen, um das ultimative Ziel zu erreichen, den Kreis schließen zu können und zu vollenden.   Dann immer wieder die ewige Frage, was ich beim nächsten Mal besser machen kann, um es doch zu schaffen… Gleichzeitig muß ich auch realistisch denken, dass es nie klappen wird. Wie finde ich meinen Frieden darin? Meine Schwimmbrille sitzt fest auf dem Gesicht, klare Gläser, aber meine Sicht ist verschleiert, ich weine. Ich kann es kaum glauben, gleich geht es los, worauf ich zehn Jahre gewartet habe, nur noch wenige Augenblicke… Hier geht es jetzt nicht mehr um einen Wettkampf, jeder, der es so weit gebracht hat, hat gewonnen. Die eigentliche Arbeit ist schon getan. Ich bin hier um es zu genießen und zu feiern, für die nächsten zehn Stunden, plus minus. Es ist die Würdigung und Wertschätzung dieses Teil meines Lebens. Danke. Die Sonne geht auf. Nun aber zurück zum Rennen, da war doch noch etwas und ich habe diesen Teil noch nicht ganz vergessen. Die allermeisten meiner Mitstreiter tragen einen Speed-Suit, um schneller beim Schwimmen zu sein. Ich habe mich für ein eher traditionelles Outfit entschieden: die gute alte Badehose. Dann natürlich das Tape, was super gehalten hat, trotz mehrerer Versuche, es mir beim Schwimmen von der Haut zu ziehen – unabsichtlich natürlich. Das Schwimmen war hart, die Strömung und der Wellengang stärker als sonst und statt der üblichen 0:55h habe ich 1:02h gebraucht – so lange wie noch nie. Da half auch nicht, auf die Uhr zu schauen, das machte meine Zeit auch nicht schneller. Rein in T1 und dort eine halbe Ewigkeit verbracht: mehr als sechs Minuten! Ich mußte mich vollständig abtrocknen, sonst wäre ich nicht in meinen Rennanzug gekommen, dann noch die Ärmlinge… man, das hat gedauert. Das Reglement besagt, dass Mann und Frau nicht mit bedeckten Schultern schwimmen dürfen – ich hatte also keine Wahl, wenn ich später mit meiner Sonnenschutzbekleidung unterwegs sein wollte. Der erste Teil der Radstrecke war mehr eine gemeinsame Radausfahrt mit gleichem Ziel und gelegentlich unterschiedlichem Tempo, von wegen Windschattenverbot, wie die Perlen an einer Kette aufgereiht, machten wir uns auf den Weg nach Hawi zum Umkehrpunkt. Der Wind zunächst mäßig und dann brutal von vorne, OK, wenn man dann auch Rückenwind auf dem Nachhauseweg hat… weit gefehlt, kaum umgedreht, dreht der Wind mit, na prima, das macht richtig Spass, wohl verdient, für die harte Arbeit davor ;) . Nicht zu vergessen, die Sonne, die unbarmherzig scheint und noch vom Asphalt und dem Lavagestein reflektiert wurde. Es war der heißeste Tag in fünf Wochen und der Wind stärker als in den Jahren davor. Selbst Macca erwischte es auf dem Rad. Na gut, ich war noch im Rennen und nahm jede Gelegenheit wahr, mich mit Wasser zu versorgen: über den Körper und in ihn rein. Dazu ein Dutzend Salt Sticks, Elektrolyte, damit die Muskeln weiter funktionieren, zwei Riegel, vier Gels und ca. sieben Liter Sportgetränk, plus Wasser. Man kann die Salzablagerungen an meiner Schulter ganz gut sehen ( nächste Pic.) Wäre ich ein Auto, könnte mann sagen, der Verbrauch (an Flüssigkeit) pro 100 km ist viel zu hoch. Also “Hang Loose” bleibt das Motto, was sollte ich auch anderes tun, als den Wind so zu nehmen, wie er ist, für die anderen ist es ja auch nicht anders. Nun endlich zu meiner “Paradedisziplin”, dem Laufen ;) . Vorher aber noch T2, war ganz OK, ein paar Gels und einige Salt Sticks, die dekorativ ihren Platz an meiner Mütze gefunden haben. Auf dem Ali’i Drive hin und zurück für die nächsten 10 km. Zum ersten Mal in einem Rennen hatte ich das Gefühl, mich nicht in einem Rennen zu befinden, kein Streß, nix muß gewonnen werden, einfach Klasse… gewonnen hatte ich ja schon vorher. Beim ersten 5km Zeichen war ich dann auch etwas traurig, dass es bald zu Ende sein würde, nur noch 37km zu laufen – es gab halt keinen Druck! Außerdem hatte ich mir versprochen, den Marathon durchzulaufen, kein Stehenbleiben (außer an den Aid Stationen). Dennoch war es am Ende ganz schön hart und heiß. Über 40°C in der Sonne in der Lavalandschaft und kein Schatten in Sicht. Meine größte Angst und mein größter Respekt galt der Hitze… Kurz zuvor habe ich meine “sweat rate” herausgefunden: bei den Bedingungen ca. zwei Liter pro Stunde. Blieb nur eins: ein Becher Eis in die Mütze, jeweils einen Becher in die Schulter und einen den Rücken hinunter. Ich kam mir vor wie ein Kühlschrank, der gerade abgetaut wird und jemand hat die Tür offen gelassen. Ständig tropfte das Wasser von dem Rand der Mütze, die Beine entlang, in die Schuhe. Fast wie in Berlin an einem Regentag, aber ohne Regenschirm – und eine etwas andere Umgebung. Nur einmal machte ich den Fehler, mir das Eis vorne in den Anzug zu kippen – gut gekühlter Schinken ist ja OK, aber vorne – das geht beim besten Willen und der größten Hitze doch nicht. Es ist schwer zu beschreiben, wie ich mich auf den letzten Kilometern gefühlt habe, eine tiefes Gefühl der Zufriedenheit, des Glücks und der Dankbarkeit, dass ich so etwas erleben durfte und ja, im (hohen) Alter von 47 Jahren: gesund und ohne Schmerzen durch so ein Rennen zu gehen und auch danach mich gut zu fühlen, das ist ein großes Geschenk des Lebens. Wie ich bereits sagte, ist es unwichtig, wie ich abgeschnitten habe. Für die, die es wissen wollen: Es war mein dritter Ironman in fünf Monaten. Ich habe als “day light finisher” in den Top 30% meiner Altersklasse gefinished, im Gesamtfeld ungefähr genauso. Alle drei Athleten, die in Kalmar bei der Qualifikation mit bis zu 15 Minuten vor mir im Ziel waren, kamen hier in Kona nach mir an. Der Kreis hat sich geschlossen, es ist wie im richtigen Leben: wir sterben viele Tode und nach jeden Tod beginnt ein neues Leben. Was mein Sportlerleben angeht, weiss ich noch nicht, was kommen wird, ich habe noch keine Pläne gemacht, aber es wird einen geben… Von Herzen, Vielen Dank an alle, die in Gedanken mit mir an der Startlinie standen oder auch nur für Momente irgendwann davor. Ihr habt mir sehr geholfen. Alexander-Maximilian Ernie Shiva